Als Immobiliensachverständiger erlebe ich täglich, wie Makler vor Herausforderungen bei der Bewertung komplexer Immobilien stehen. Ein präziser Angebotspreis ist entscheidend für den erfolgreichen Verkauf – doch was tun, wenn die Standardmethoden an ihre Grenzen stoßen? Dieser Artikel beleuchtet, wie die Zusammenarbeit zwischen Sachverständigen und Maklern zu besseren Ergebnissen führen kann.
Grenzen der digitalen Bewertung: Wenn Algorithmen nicht ausreichen
Die digitale Revolution hat auch vor der Immobilienbranche nicht haltgemacht. Online-Bewertungstools versprechen schnelle und kostenlose Preiseinschätzungen. Doch diese Verfahren basieren oftmals auf Algorithmen, die mit durchschnittlichen Werten, unangepassten Bodenrichtwerten und zu allgemeinen Marktdaten arbeiten – individuelle Besonderheiten bleiben oft unberücksichtigt.
Laut einer Analyse von Sprengnetter können die Abweichungen zwischen algorithmischen Bewertungen und tatsächlichen Marktwerten erheblich sein – in Einzelfällen bis zu 30% (Sprengnetter, 2023). Diese Diskrepanz entsteht, weil Software häufig nur mit standardisierten Parametern wie Fläche, Baujahr und Postleitzahl arbeitet.

Ein weiteres Problem: Softwarebasierte Lösungen können die individuellen Faktoren, die den Wert einer Immobilie beeinflussen, nicht angemessen erfassen. Der besondere Ausblick, die Topographie, die Qualität des Ausbaus oder spezielle Ausstattungsmerkmale werden oft vernachlässigt oder falsch gewichtet.
Vom Verkaufsobjekt zum Ladenhüter: Die Preisfalle vermeiden
Eine zu hoch angesetzte Immobilie erzeugt wenig Nachfrage und bleibt länger am Markt – ein Szenario, das kein Makler erleben möchte. Nach Erfahrungen der Certa Immobilienbewertung führt ein um 10-15% überhöhter Angebotspreis zu signifikant längeren Vermarktungszeiten und letztendlich oft zu Preisreduktionen, die unter dem eigentlich erzielbaren Marktwert liegen (Certa Gutachten, 2024).
Wird eine Immobilie dagegen zu niedrig bewertet, verschenkt der Verkäufer Geld und der Makler Provision. In beiden Fällen leidet das Vertrauen in die Kompetenz des Maklers.
Der Sachverständige kann hier mit seiner unabhängigen Bewertung Klarheit schaffen. Durch eine fundierte Wertermittlung nach anerkannten Verfahren (Vergleichswert-, Ertragswert- oder Sachwertverfahren), auf Basis der ImmoWertV bietet er eine solide Grundlage für die Preisfindung – besonders bei komplexen Objekten, die nicht dem Standard entsprechen.
Der Wert im Detail: Objektspezifische Besonderheiten erkennen und bewerten

Jede Immobilie ist einzigartig – mit individuellen Merkmalen, die ihren Wert maßgeblich beeinflussen können. Die Expertise eines Sachverständigen ermöglicht es, diese Besonderheiten angemessen zu würdigen:
- Bauliche Besonderheiten und Materialqualität
- Energetische Eigenschaften und Modernisierungsstand
- Mikrolage innerhalb eines Stadtviertels
- Topographie und Grundstücksausrichtung
- Raumaufteilung und funktionale Gestaltung
- Baumängel oder versteckte Schäden
Laut BEG Immobilien kann die fachgerechte Berücksichtigung solcher Faktoren den ermittelten Wert um bis zu 20% gegenüber standardisierten Verfahren verändern (BEG Immobilien, 2023). Ein Sachverständiger bringt hier nicht nur sein technisches Wissen ein, sondern auch seine Erfahrung mit ähnlichen Objekten und deren Marktakzeptanz.
Rechtliche Fallstricke: Wenn Belastungen den Wert mindern
Ein häufig unterschätzter Faktor bei der Immobilienbewertung sind rechtliche Aspekte, die erheblichen Einfluss auf den Verkehrswert haben können. Hierzu zählen:
- Leitungs- und Wegerechte
- Wohnungsrechte und Nießbrauch
- Baulasten und baurechtliche Einschränkungen
- Denkmalschutzauflagen
- Reallasten
Die korrekte Bewertung solcher Rechte und Belastungen erfordert juristisches und bewertungsfachliches Spezialwissen. Nach einer Studie von Hochdrei Immobilien werden diese Faktoren bei etwa 40% aller Maklerbewertungen nicht ausreichend berücksichtigt (Hochdrei Immobilien, 2023).
Ein Sachverständiger kann die finanziellen Auswirkungen dieser rechtlichen Aspekte präzise ermitteln und in die Gesamtbewertung einbeziehen – ein entscheidender Vorteil gegenüber algorithmischen Bewertungsverfahren.
Haftungsrisiken vermeiden: Wenn der falsche Preis teuer wird
Ein falscher Angebotspreis führt nicht nur zu verlängerten Vermarktungszeiten, sondern birgt auch rechtliche Risiken. Insbesondere wenn Makler dem Verkäufer gegenüber eine zu hohe Preisprognose abgeben, kann dies zu Schadensersatzansprüchen führen.

Die Rechtsprechung hat in mehreren Fällen entschieden, dass Makler für fehlerhafte Wertermittlungen haften können. So entschied beispielsweise das Oberlandesgericht Hamm (Az: 18 U 15/14), dass ein Makler wegen einer fehlerhaften Wertschätzung zu Schadensersatz verpflichtet werden kann, wenn der Verkäufer aufgrund dieser Einschätzung einen zu niedrigen Verkaufspreis akzeptiert hat.
Laut einer Analyse von Sprengnetter zu Haftungsrisiken bei der Wertermittlung liegt das durchschnittliche Streitwertpotenzial bei fehlerhaften Bewertungen im sechsstelligen Bereich (Sprengnetter, 2023). Ein fundiertes Gutachten eines anerkannten Sachverständigen kann hier als Absicherung dienen und mögliche Haftungsrisiken minimieren.
Starke Partner am Immobilienmarkt: Synergien nutzen und voneinander profitieren
Die Zusammenarbeit zwischen Sachverständigen und Maklern ist keine Konkurrenz, sondern eine synergetische Partnerschaft, von der beide Seiten profitieren:
Für den Makler bietet die Kooperation mit einem Sachverständigen:
- Rechtssicherheit und Haftungsminimierung
- Fundierte Argumentationsbasis gegenüber Verkäufern und Käufern
- Expertenmeinung bei schwierigen Bewertungsfragen
- Zeitersparnis bei komplexen Objekten
- Stärkung der eigenen Marktposition durch zusätzliche Expertise
Für den Sachverständigen bedeutet die Zusammenarbeit mit Maklern:
- Zugang zu aktuellen Marktinformationen und Transaktionsdaten
- Erweiterung des eigenen Netzwerks
- Kontinuierliche Aufträge durch Empfehlungen
Volker Brock von Brock Immobilien fasst zusammen: „Die enge Zusammenarbeit zwischen Maklern und Sachverständigen führt zu einer höheren Qualität bei der Immobilienbewertung und letztendlich zu höherer Kundenzufriedenheit. Der Makler kann sich auf seine Kernkompetenz – die Vermittlung – konzentrieren, während der Sachverständige für eine fundierte Wertbasis sorgt“ (Brock Immobilien, 2024).
Die ideale Konstellation entsteht, wenn beide Berufsgruppen ihre spezifischen Stärken einbringen: Der Sachverständige liefert die methodisch fundierte Bewertung, während der Makler mit seinem Gespür für den lokalen Markt und seiner Verkaufskompetenz den optimalen Angebotspreis und die passende Vermarktungsstrategie entwickelt.
Fazit: Professionelle Partnerschaft zum Nutzen aller Beteiligten
Die Zusammenarbeit zwischen Immobilienmaklern und Sachverständigen kann letztendlich eine Win-win-Situation darstellen – nicht nur für die beteiligten Fachleute, sondern auch für Verkäufer und Käufer. Durch die Kombination von fundierten Bewertungsmethoden und praktischer Markterfahrung entstehen präzisere Wertermittlungen, realistischere Angebotspreise und letztlich erfolgreichere Immobilientransaktionen.
In Zeiten volatiler Märkte und zunehmender rechtlicher Anforderungen wird diese Kooperation immer wichtiger. Makler, die regelmäßig mit qualifizierten Sachverständigen zusammenarbeiten, können ihren Kunden einen echten Mehrwert bieten – und sich gleichzeitig von weniger professionellen Mitbewerbern abheben.
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